Zehn Jahre Einsatz für eine Stadt ohne Barrieren

Die Kommunale Behindertenbeauftragte Christina Reiß wurde in den Ruhestand verabschiedet

Zehn Jahre lang hat Christina Reiß die Interessen von Menschen mit Behinderungen in Heidelberg vertreten, Missstände benannt, Veränderungen angestoßen und Inklusion in Verwaltung und Stadtgesellschaft vorangebracht. Am Freitag, 9. Oktober 2026, ist die kommunale Behindertenbeauftragte aus gesundheitlichen Gründen von Bürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain in Vertretung von Oberbürgermeister Eckart Würzner in den Ruhestand verabschiedet worden.

Foto von Kommunaler Behindertenbeauftragten Frau Reiß und Bürgermeister Raoul Schmidt.Lamontain
Bürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain bedankte sich bei der langjährigen Kommunalen Behindertenbeauftragten Christina Reiß für ihr außerordentliches Engagement und wünschte ihr alles Gute für die Zukunft. (Foto: Stadt Heidelberg)

Seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2016 setzte sich Christina Reiß als unabhängige Interessenvertreterin und Ansprechpartnerin für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen ein. Sie beriet die Stadtverwaltung bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und machte sich für die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen stark. In ihrer unabhängigen Ombudsfunktion war sie neutrale Vermittlerin und Schlichterin in Beschwerdefällen.
 
„Christina Reiß hat Inklusion in Heidelberg mit großer Fachkenntnis, Beharrlichkeit und Menschlichkeit vorangebracht. Viele Verbesserungen, die heute selbstverständlich erscheinen, gehen auf ihre Initiative zurück. Sie hat nicht nur Barrieren abgebaut, sondern auch das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig Teilhabe für eine offene und gerechte Stadtgesellschaft ist. Für ihren unermüdlichen Einsatz danke ich ihr im Namen der gesamten Stadt herzlich“, sagte Bürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain.

Barrieren abbauen, Teilhabe ermöglichen

Zu den sichtbaren Erfolgen ihrer Amtszeit zählen die Einführung mobiler Rampen für Geschäfte und Veranstaltungen, Kabelbrückenrampen für den öffentlichen Raum sowie die Eröffnung von fünf „Toiletten für alle“. Auch die Mobilität von Menschen mit Gehbehinderungen verbesserte sich durch ihre Initiative, etwa mit Rollstuhltaxis, Taxigutscheinen und barrierefreien Carsharing-Angeboten. Darüber hinaus brachte sie die Anforderungen unterschiedlicher Nutzergruppen bei der Planung der Rhein-Neckar-Tram frühzeitig ein.

Inklusion als Gemeinschaftsaufgabe

Inklusion verstand Christina Reiß als Gemeinschaftsaufgabe. Mit Schulungen, Praxishilfen und Beratungsangeboten unterstützte sie die städtischen Ämter dabei, Barrierefreiheit stärker in ihrer täglichen Arbeit mitzudenken. Bundesweit Beachtung fand ihre 2019 veröffentlichte Bestandsaufnahme zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Heidelberg. Im anschließenden Inklusionslabor konnten Bürgerinnen und Bürger eigene Ideen und Maßnahmen für eine inklusive Stadtentwicklung einbringen.
 
Auch kulturelle Teilhabe und Erinnerungskultur prägten ihre Arbeit. Gemeinsam mit dem Theater und Orchester Heidelberg initiierte sie das inklusive Theaterprojekt „Ein Platz im Gedächtnis“, das an die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation erinnerte. Das Projekt wurde mit dem ersten Preis des bundesweiten Theaterwettbewerbs „andersartig gedenken on stage“ ausgezeichnet.

Auch unsichtbare Einschränkungen sichtbar machen

Ein besonderes Anliegen waren ihr Menschen mit psychischen Erkrankungen und nicht sichtbaren Behinderungen. Die Beteiligung am Welttag der seelischen Gesundheit, die Einführung der „Stillen Stunde“ sowie die Broschüre „Voll die Krise?!?“ mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten trugen dazu bei, das Thema stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Kultur und Natur für alle erfahrbar

Darüber hinaus setzte sich Christina Reiß für mehr Barrierefreiheit bei Kulturveranstaltungen ein. Ein Hilfsmittelpool mit mobiler Rampe, Induktionshöranlage, Lärmschutzkopfhörern und mobilem Hublift erleichtert inzwischen die inklusive Gestaltung von Veranstaltungen. Ebenso lagen ihr inklusive Naturerlebnisse am Herzen. Sie unterstützte die Anschaffung eines geländegängigen Elektrorollstuhls für „Natürlich Heidelberg“ sowie die Entwicklung barrierefreier Wander- und Freizeitangebote.

Impulse über Heidelberg hinaus

Wirkung entfaltete ihre Arbeit auch über die Stadtgrenzen hinaus. Auf Landesebene engagierte sich Christina Reiß erfolgreich für bessere Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen in kommunalen Gremien und setzte sich für gesetzliche Verbesserungen beim barrierefreien Wohnungsbau ein.
 
Trotz vieler Fortschritte bleibt für sie eine Aufgabe ungelöst: der ausreichende Bestand an bezahlbaren barrierefreien Wohnungen. Sie verbindet ihren Abschied mit der Hoffnung, dass dieses Thema bei künftigen Stadtentwicklungsprojekten konsequent berücksichtigt wird.
 
Die Aufgaben der kommunalen Behindertenbeauftragten übernimmt zunächst kommissarisch Valerie Gebhard. Die Stelle wird zeitnah zur Besetzung ausgeschrieben.

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